»QUALITY BY DESIGN«


Der Aufschwung in Südafrikas Weinindustrie hat auch damit zu tun, dass viele Winzer die hohe Güte ihrer Terroirs gerade erst entdecken. Einer dieser Spurensucher heißt Bruwer Raats. Ein Gespräch über Zukunft und Vergangenheit. Und was die so alles bringen können.

VON AXEL BIESLER 

Hoch gelegen sollte es sein, möglichst windig und der Untergrund idealerweise aus karstigem Gestein bestehen. Granit und Dolomit seien ihm die liebsten. Der Wind dürfe ruhig etwas frischer vom Ozean her über seine Reben blasen, die bestenfalls schon in einigermaßen luftigen Höhen wachsen, um den Reifezeitpunkt der Trauben so lange wie möglich hinauszuzögern. 250 Meter über Null sollten es schon sein. Es sind genau jene Flecken Erde, nach denen Bruwer Raats Ausschau hält. Raats ist ein Winzer von hünenhafter Gestalt und sparsamer Mimik. Er spricht klar und deutlich, kritisch und leidenschaftlich, ohne aber dabei seinen Gesichtsausdruck und seine Stimmfarbe merklich zu verändern. Raats ist Bure und Winzer in Südafrika. Vielleicht hat ihn das vorsichtig gemacht, seinen Ausdruck auf das Wesentliche verknappen lassen. Vielleicht ist es aber auch ganz einfach nur ein Wesenszug von ihm. Einer, der sich vererbt hat. Über viele Generationen hinweg. Wer weiß das schon.

Landwirtschaft, wozu auch der Weinbau gehört, ist ein heikles Thema in Südafrika. Es geht um Schwarz und Weiß, um Landnahme, Besitz und Enteignung. Um Apartheid. Als Nelson Mandela 1993 zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt wurde, erklärte man die zwar offiziell für beendet, doch sind die Unterschiede noch immer tief im Land der guten Hoffnung verwurzelt. Südafrika ist heute der weltweit drittgrößte Exporteur von Agrarprodukten. Weinbau ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Waren es früher wilde Tiere und Steppen, die diese Landschaft maßgeblich prägten, ist sie heute von einer zuweilen meilenweit schnurgeraden Agrarlandschaft geprägt, ist jedenfalls fern von Europa ziemlich europäisch geworden.

Raats ist Pragmatiker und mag es partout nicht, wenn die Geschichte Südafrikas einseitig erzählt wird

Als die neue Regierung damit begann, den Schwarzen ihr Land zurückzugeben, wussten die mit einer hochtechnisierten Landwirtschaft oft nicht viel anzufangen. Land verwilderte, Farmen verfielen. Menschen flüchteten. Ein hoffnungsloses Unterfangen meinen die einen, ganz und gar nicht die anderen. Raats ist Pragmatiker und mag es partout nicht, wenn die Geschichte Südafrikas einseitig erzählt wird. Auch die des Weinbaus nicht. Vor zwei Jahren sorgte der Dokumentarfilm »Bitter Grapes« des dänischen Filmemachers Tom Heinemann im In- und Ausland für Aufregung.

Darin beklagt Heinemann die schlechten Arbeitsbedingungen der schwarzen Arbeiter, die von den weißen Farmbesitzern wie Sklaven behandelt und elendig bezahlt werden würden. »Der Film hat viel Schaden angerichtet«, sagt Raats. Dabei sei gegen eine kritische Berichterstattung überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Heikel werde es aber dann, wenn positive Entwicklungen, die es zweifellos ebenso gebe, ganz bewusst ausgelassen werden, um den Sensationseffekt des Filmes nicht zu gefährden. Man merkt Raats seine innerliche Erregung jetzt an, ansehen tut man sie ihm nicht.

In den Weinen von Raats steckt viel Handarbeit

Nach der Veröffentlichung von »Bitter Grapes« kam es vielerorts zu Streiks. Als Konsequenz sahen sich einige Produzenten gezwungen, vormals manuell ausgeführte Arbeiten zu automatisieren. »Letztlich«, sagt Raats, »ist es auch am Verbraucher, sich kritisch zu hinterfragen, wenn er eine Flasche Wein für drei Euro kauft, deren Inhalt aus einem 10.000 Kilometer weit entfernten Land stammt.« Faire Löhne und Sozialleistungen können eben nur dann bezahlt werden, wenn auch die Erlöse fair seien. Das sei bei Jeans nicht anders als bei Wein. In den Weinen von Raats steckt viel Handarbeit. Zu fairen Preisen. Bei fairen Arbeitsbedingungen. Seine Mitarbeiter nehmen und haben daran teil.

Dabei spielt ihre Hautfarbe keine Rolle. Ihr Engagement aber sehr wohl. Im Jahre 2000 gegründet, zählt »Raats Family Wines« zu den jungen Unternehmen eines Weinlandes, das gerade seine zweite Blüte erlebt. Die erste begründete der Holländer Johan van Riebeck, der 1652 eine Versorgungsstation für die niederländische Ostindien-Kompanie am Kap der guten Hoffnung errichtete. Riebecks erste Gehversuche im Weinbau nehmen sich heute wie eine Fußnote aus: 1659 kelterte er gerade mal 15 Liter trinkbaren Wein aus der weißen Sorte Muscat d’Alexandrie. Neben Chenin Blanc ist sie die älteste in Südafrika verbriefte Rebsorte. Der Grundstein war von homöopathischer Menge, aber gelegt.

Riebecks erste Gehversuche nehmen sich heute wie eine Fußnote aus

Rund zwanzig Jahre später beschenkte die niederländische Kompanie Riebecks Nachfolger, Simon van der Stel, mit einem großen Flecken Erde am Tafelberg. Van der Stel nannte ihn Constantia, versuchte sich beim Weinbau an den unterschiedlichsten Varietäten. Mit einigem Erfolg: Die europäischen Königshäuser feierten seinen »Constantia« als rare Delikatesse. Von der Reblaus indes blieb auch Südafrika am Ende nicht verschont, die nicht nur dem Weinbau Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts ein jähes Ende bereitete, sondern das gesamte Land bis zum Ende der Apartheid von der internationalen Weinbühne fast verschwinden ließ.

Schuld daran war nicht allein der tierische Schädling. Übertriebener und wahlloser Aktionismus bei der Wiederbepflanzung der Weinberge nach der Reblaus-Katastrophe sowie eine während der Apartheid beinahe ausschließlich auf schiere Massenproduktion ausgelegte Weinwirtschaft ließen den zarten Spross »Constantia« nach und nach vertrocknen. Freilich trug Südafrikas weitgehende Isolation während der Apartheid ebenso ihren Teil zum zwischenzeitlichen Niedergang bei.

»Um den Geschmack des Terroirs hat man sich lange Zeit keine Gedanken gemacht.« Bruwer Raats

Südafrikas Weinbaugeschichte ist nicht nur kürzer als die Europas, sie hat auch keinen roten Faden wie man ihn gemeinhin aus der Alten Welt kennt. Die beginnt gewöhnlich mit den Römern, die den Weinbau etablierten und knüpft bei den Mönchen an, die ihn perfektionierten. Welcher Wein seine bestimmte Herkunft am delikatesten zum Ausdruck bringt, ist eine Disziplin, der man in Südafrika erst seit kurzem frönt. Bruwer Raats nennt seine Spurensuche »Quality by design«. Was nach Hochtechnologie in Weinberg und Keller klingt, ist in Wahrheit die Suche nach dem perfekten Standort, eine mehr oder weniger frugale Philosophie bei der Kellerarbeit – und viel Handarbeit.

»Um den Geschmack des Terroirs hat man sich lange Zeit keine Gedanken gemacht. 30 oder 40 Jahre alte Anlagen, die noch heute herausragende Gewächse hervorbringen, sind eher dem Zufall und nur selten weitsichtigen Winzern geschuldet«, sagt Raats. »Quality by default«, nennt er diese Ausnahmeerscheinungen. Einige von ihnen sind heute in seinem Besitz, woraus er vorzügliche Chenin Blancs mit reduzierter Frucht und dramatischer Mineralik keltert.

Vorzügliche Chenin Blancs mit reduzierter Frucht und dramatischer Mineralik

Lange Zeit ging es in Südafrika um Masse, die zudem schnell und kostengünstig produziert werden musste. 1961 kamen die ersten Weine der an der Universität Stellenbosch 1925 aus Pinot Noir und Cinsault gekreuzten Sorte Pinotage auf den Markt. Die Ergebnisse waren auch aromatisch vielversprechend. Wirtschaftlich bedeutender aber waren Robustheit und frühe Reife der Neuzüchtung. Pinotage geriet schnell zur Kuh, die gemolken wurde, solange sie Milch gab. Landesweit, unabhängig von ihrem Standort, aber zuverlässig hoch im Ertrag. So hat sich auf der ganzen Welt schließlich ein marmeladiger Geschmack für den Pinotage etabliert, der leicht zu standardisieren war, mit Herkunft indes nichts gemein hatte.

»Futuristisch« bezeichnet er seinen Ansatz

Wer ihn kennt, wird bei Raats‘ Pinotage ziemlich sicher daneben liegen. »Ein dickeres Lob könnte man meinem Pinotage eigentlich gar nicht geben«, sagt Raats. Wenn man ihn als feinen Wein, aber eben nicht als Pinotage erkenne. Wer nun noch zusetzt, dass das bestimmt daran läge, dass der Wein in luftigen Höhen auf Dolomit gewachsen und mit viel Handarbeit entstanden sei, wird bei genauem Hinschauen womöglich ein gönnendes Lächeln über Raats‘ Gesicht huschen sehen. »Futuristisch« bezeichnet er seinen Ansatz, zu dem Spontangärung ebenso wie ein langes Hefelager, also kontrolliertes Nichtstun gehören. Über allem aber stehen die Maximen Frische, Eleganz und Herkunft.

Hierzulande würde man vielleicht Retro-Weinmachen dazu sagen, weil deutscher Wein vor rund hundert Jahren mitunter teurer als die berühmtesten Gewächse aus Bordeaux gehandelt wurde, und es ja nichts Schlechtes sein kann, sich an solch ruhmreiche Zeiten zu orientieren. Blättert Raats die Weinbaugeschichte Südafrikas um 100 Jahre zurück, wird er derlei Erfolgsgeschichten nicht zu lesen bekommen. Wo andere Länder sich neu erfinden müssen, zuweilen die gute alte Zeit beschwören, entdeckt sich Südafrika gerade erst neu. Auch deshalb ist Raats‘ »futuristischer« Weg beim Wein-machen und machen-lassen schlicht und ergreifend eine Sache der Perspektive. Eben »Quality by design«.        

Hier gehts zu den Weinen von Bruwer Raats.

Fotos: WOSA Groot Constantia Estate, WOSA Klein Constantia, Raats Family Wines