ALS-OB-VIELFALT


»Wer wüsste ohne Pflanzen schon, dass alles eine Wurzel hat?« Der hübsche Aphorismus stammt von dem deutschen Lyriker und Verleger Gregor Brand. Die logische Schleife, die seine Frage aufwirft, weil sie gleichzeitig eine Antwort generiert, lässt sich auch anders denken.

VON AXEL BIESLER

Mit der Internationalisierung des Konsums ist uns der Bezug zu unseren Lebens- und Genussmitteln mehr und mehr abhandengekommen. Äpfel kommen aus Neuseeland, Melonen aus Brasilien, Trauben aus Südafrika. All diese Viktualien stehen ganzjährig zur Verfügung. Wann, wo und wie sie reif geworden sind, spielt dabei für den Konsumenten keine große Rolle mehr. Jahreszeiten sind bedeutungslos geworden.

Die Erfahrung beschränkt sich auf das Einkaufen und blendet die natürlichen Grundvoraussetzungen weitestgehend aus. Doch ist ein größeres Angebot beileibe nicht mit einer größeren Vielfalt gleichzusetzen. Das Gegenteil ist der Fall. Industrielle Verarbeitung und Massenproduktion haben zu einer Normierung der Nahrungs- und Genussmittel geführt – auf Kosten der Vielfalt und des Geschmacks. Damit sie uns reif und schmackhaft erreichen, braucht es hochtechnische Herstellungsmethoden und entsprechende Transportwege. Um auf den Aphorismus vom Anfang zurückzukommen, sind wir oftmals nicht mehr in der Lage, eine bestimmte Pflanze oder Frucht bis zu ihren Wurzeln zurückzuverfolgen.

Die Ratlosigkeit des Kunden hält weiterhin an

Das Bild lässt sich auch auf den Wein übertragen. Dabei genügt der Blick auf die Weinauswahl in einem beliebigen Supermarkt. Die Ratlosigkeit des Kunden hält weiterhin an. Auch hier ist die Auswahl meist nur scheinbar groß, denn die Vielfalt nimmt letzten Endes ab, da die Besonderheiten der angebotenen Weine unter ihren Produktionsbedingungen zwangsläufig verloren gehen müssen. Zudem stellt der gewöhnliche Supermarkt-Einkäufer zumeist höchstens oberflächliche Bezüge eines Weines zu seiner Herkunft her. Die speist sich bestenfalls aus seiner persönlichen Geschmackserfahrung, steht aber mit den Besonderheiten einer bestimmten Weinbauregion und ihren Erzeugnissen nur selten in einer kausalen Beziehung. So mag er etwa den Begriff »Chianti« mit einem italienischen Rotwein in Verbindung setzen, dass es sich dabei um eine bestimmte Herkunftsbezeichnung handelt, dürfte ihm weniger geläufig sein.

Womit wir wieder bei der Ananas aus Kolumbien oder den Mangos von den Philippinen wären. Zwischen Konsumenten und Nahrungs- oder Genussmittel besteht oftmals nur eine ökonomische Beziehung. Um aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu meistern, wird diese aber beileibe nicht ausreichen. Es geht um Wertschätzung. Es geht darum, eine Entscheidung zu treffen, deren Träger der Geldbeutel nicht allein sein darf. Geblendet von einer Als-ob-Vielfalt gilt es umzuschalten, sich mit dem, wovon wir leben und was wir genießen auch auseinanderzusetzen. Dahinter stehen Gemüsebauern genauso wie Winzer, Metzger oder Bäcker.

Es geht nicht darum, einen sogenannten industriell erzeugten Wein per se zu verdammen

Aus ihrer Anonymisierung herausgelöst, erhalten ihre Erzeugnisse eine Wertschätzung, die zu einem respektvolleren Umgang ihrer Verbraucher führt. Es gilt die natürliche Vielfalt wiederzuentdecken. Wein zählt nicht nur zu den ältesten Kulturgütern der Menschheit, er ist auch einer ihrer wertvollsten und individuellsten. Wir brauchen die kleinen Weinbaubetriebe ebenso wie die großen.

Es geht auch nicht darum, ob ein industriell erzeugter Wein per se zu verdammen ist. Worum es geht, ist eine Wahrnehmung, die jeder Zecher einer Flasche Wein entgegenbringen sollte, wenn er sich darüber bewusst ist, dass es sie ohne bestimmte Jahreszeiten, einem bestimmten Klima und der Besonderheit ihrer Entstehung so nämlich nicht gäbe. Es geht summa summarum eigentlich darum, dass wir wieder lernen müssen, dass jede Pflanze eine Wurzel hat. 

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